Pränataldiagnostik: Psychosoziale Beratung muss sein
Studie zur psychosozialen Beratung von Schwangeren im Rahmen von Pränataldiagnostik


Heute ermöglicht die Medizin, manche Fehlentwicklungen und Erkrankungen eines Kindes bereits vor der Geburt zu erkennen. Sie kann dem Kind und den Eltern dadurch oft helfen. Manchmal stellt sich aber auch die Frage eines Schwangerschaftsabbruchs und zwingt so die Eltern, über die Lebenschancen ihres Kindes zu entscheiden. Um die Betroffenen in dieser schweren Krise nicht allein zu lassen, gibt es in Bonn, Düsseldorf und Essen direkt "vor Ort" eine psychosoziale Beratung. Diese Modellprojekte wurden durch das Land NRW gefördert und mit Unterstützung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unter der Leitung von Professorin Anke Rohde (Gynäkologische Psychosomatik Bonn) und Privatdozentin Christiane Woopen (Institut für Geschichte und Ethik der Universität zu Köln) wissenschaftlich begleitet. Die Studie sollte klären, inwiefern psychosoziale Beratung im Rahmen einer Pränataldiagnostik sinnvoll ist und welche Voraussetzungen für ihre Integration erforderlich sind. Am Mittwoch, 14. Februar, werden die Ergebnisse der dreijährigen Studie in Bonn vorgestellt.
Die Mitteilung einer Behinderung oder Erkrankung ihres ungeborenen Kindes stürzt die Schwangere in Not und Verzweiflung. Meist unvorbereitet steht sie plötzlich vor dem nahezu unlösbaren Konflikt, ob ein Leben mit diesem Kind für sie möglich ist oder nicht. „Auch zwei Jahre später ist jeder Zweiten das Erlebte gedanklich und gefühlsmäßig noch sehr präsent“, sagt Professorin Rohde, Leiterin der Gynäkologischen Psychosomatik am Universitätsklinikum Bonn. „Die Erfahrung, ein krankes oder behindertes Kind zu bekommen, beziehungsweise eine Schwangerschaft abzubrechen, kann psychische Störungen verursachen.“

Seit Januar 2003 beteiligten sich rund 500 Frauen an der Evaluation. Etwa 350 von ihnen waren zu wiederholten Befragungen über den Zeitraum von zwei Jahren bereit. Über 90 Prozent der Studienteilnehmerinnen empfanden die Beratung auch rückblickend als hilfreich. Diese bot ihnen einen neutralen Raum für ihre Gefühle, Ängste und innere Zerrissenheit. Verschiedene Zukunftsperspektiven mit und ohne Kind konnten reflektiert werden. Als nützlich wurde es auch empfunden konkrete Dinge, wie Abschied und Beerdigung, anzusprechen. Einige halten sogar noch mehr Informationen über Hilfsangebote und Kontakte zu anderen Betroffen und Selbsthilfegruppen für wünschenswert. Fast ausnahmslos raten die Studienteilnehmerinnen anderen Betroffenen zu einer psychosozialen Beratung - zum großen Teil auch schon vor der Pränataldiagnostik.

Raum und Zeit zur Reflexion

Durch den akuten Leidensdruck entsteht oft zunächst der Impuls, die Schwangerschaft sofort zu beenden. „Doch es ist nicht im Sinne der Patientin einem solchen Drängen nachzugeben“, sagt Professorin Rohde. Jede Frau soll ohne Druck einen Weg finden, den sie als richtig empfindet und möglichst auch später vor sich selbst verantworten kann. „Zudem muss der Arzt nach ausführlicher Aufklärung und Beratung erst einmal feststellen, ob eine medizinische Indikation zum Schwangerschaftsabbruch gegeben ist“, betont Privatdozentin Woopen.

Egal welcher Weg schließlich gegangen wird, er ist in der Regel von Trauer und Schuldgefühlen begleitet. Zwar nimmt die psychische Belastung und Trauer mit der Zeit ab, doch viele haben Ängste, unter anderem im Hinblick auf eine neue Schwangerschaft. Jede Vierte ist auch nach zwei Jahren erhöht psychisch belastet - wobei insbesondere ängstliche als auch zurückhaltende Frauen ein erhöhtes Risiko für einen behandlungsbedürftigen Trauerverlauf zeigen. „Gerade diese Frauen würden von einer über die Akutsituation hinausgehenden längerfristigen Betreuung profitieren“, sagt Professorin Rohde.

Beratung als fester Bestandteil der Pränatalmedizin

Neben dem Nutzen und der Akzeptanz seitens der Betroffenen, zeigen die drei Modellprojekte auch Wege auf, wie eine psychosoziale Beratung trotz anfänglicher Schwierigkeiten erfolgreich in den Alltag einer pränatalmedizinischen Klinikabteilung oder Schwerpunktpraxis integriert werden kann. Außerdem wirft die Evaluation weitergehende Fragen auf, beispielsweise nach einer sinnvollen Einbindung der Partner in das Beratungskonzept. Denn die Frauen empfinden die Unterstützung durch ihren Partner als enorm wichtig.

Ihre Ergebnisse und Empfehlungen stellten Professorin Rohde und Privatdozentin Woopen in einem Buch zusammen:

Psychosoziale Beratung im Kontext von Pränataldiagnostik/Evaluation der Modellprojekte in Bonn, Düsseldorf und Essen
ISBN: 978-3-7691-1242-9
Deutscher Ärzte-Verlag

Hinweis für die Medien

Vertreter der Medien sind herzlich zu der Veranstaltung „Pränataldiagnostik und psychosoziale Betreuung – quo vadis?“ am Mittwoch, 14. Februar, von 14 bis 19 Uhr im Hörsaal des Zentrums für Geburtshilfe und Frauenheilkunde des Universitätsklinikums Bonn, Sigmund-Freud-Str. 25, eingeladen (weitere Infos zum Programm: www.femina.uni-bonn.de). Die Veranstalter (Prof. Rohde Bonn, PD Woopen Köln und Prof. Gembruch, Bonn) beantworten gerne zwischen 13 und 13.30 Uhr nach vorheriger Vereinbarung Ihre Fragen. Um Anmeldung bei Vera Schmitz unter Telefon: 0228/ 73-7647, Fax: 0228/ 73-7451 oder E-Mail: presse@uni-bonn.de wird gebeten.

Kontakt für die Medien:
Professorin Dr. Anke Rohde
Leiterin der Gynäkologischen Psychosomatik
Zentrum für Geburtshilfe und Frauenheilkunde am Universitätsklinikum Bonn
Telefon: 0228/287-14737
E-Mail: anke.rohde@ukb.uni-bonn.de